Durch meinen badisch-schwäbischen Mann habe ich mich mit ihm in den Schwarzwald verliebt. Und so habe ich schon im Januar 2023 einen Hommage-Stoff gekauft: Schwarzer Baumwollcanvas mit roten Bollenhüten, dazu einen Reißverschluss mit passendem Anhänger. Zugegeben, in seinem Heimatort sind gar keine Bollenhüte Tradition, sondern stattdessen schmücken deren Hüte riesige runde Blumen (auch nicht schlecht!) und sowieso darf man die roten Bollen nur als ledige Frau tragen. Tja ...
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| Die Schwarzwaldtasche in ihrem natürlichen Habitat! |
Es hat auch ein Weilchen gedauert, bis ich den Stoff zugeschnitten habe - Juli 2024 - und dann lag die Tasche in spe nochmal zwei Jahre in einer Projektkiste. Dabei ist sie gar nicht SO aufwändig! Ich wollte in den Schwarzwald fahren und dort die Gelegenheit zur Taschenfotografie nutzen; seit dem Möndchen sind wir leider nicht mehr so flexibel bei den Schwiegerelternbesuchen. Und meine Alltagstasche Marisa geht leider langsam nach 6,5 Jahren Dauergebrauch kaputt, also wurde die Fertigstellung einer neuen dringender.
Den Schnitt habe ich vermutlich im Makerist-Schlussverkauf erworben. "TulpiaMy" (hier in der kleinen Version; im Shop der Designerin SteffiRoseStimpel habe ich nur noch die große gefunden) ist eine eigentlich relativ schlichte Tasche mit rundherum laufendem Boden und abgerundeten unteren Ecken, aber ein schräg verlaufender "eingeknickter" Kontraststreifen macht sie interessant.
Mein Eindruck vom Schnitt:
Gut finde ich:
- Wie es inzwischen bei einigen Herstellern üblich ist, gibt es in der Anleitung Fotos mit Pfeilen, die auf die einzelnen Teile zeigen. Das macht es viel einfacher, verschiedene Stoffe zu kombinieren.
- Außerdem gibt es eine übersichtliche Aufschlüsselung, welche Teile man aus welchem Material nähen muss (nur hat die Herstellerin dabei ein Teil vergessen - arrgh!). Besonders schön finde ich, dass die Teile nicht nur durchnummeriert sind - die Futterteile haben direkt ein F und die Außenstoffteile ein A vor der Nummer. Aber normaler Außenstoff und Kontrast-Außenstoff hätten wirklich auch unterschiedliche Buchstaben vertragen können. Und ein Komplettfoto des Materials inkl. aller Schnittteile wäre sehr hilfreich gewesen.
Ein paar Sachen sind negativ:
- Was mir als erstes aufgefallen ist: Die Stoffverbrauchsangabe von je 1 m Oberstoff und Futter ist enorm hoch für eine kleine Tasche. Ich bin mit 30 cm Oberstoff ausgekommen, das ist ein Drittel der angegebenen Menge. Wenn man das Seiten-/Bodenteil hochkant legen muss, wären das 36 cm - und selbst wenn man aus irgendeinem Grund darauf bestehen würde, dieses Teil im Bruch zuzuschneiden, käme man auf 70 cm Stoffverbrauch und hätte die Hälfte des Stoffs nicht ausgenutzt. 1 m ist vollkommen utopisch. Beim Futter siehts übrigens ähnlich aus (da habe ich 50 cm gebraucht).
- Die riesigen ausgefüllten geometrischen Formen sind hilfreich beim Zusammenkleben, aber echt Tintenverschwendung - da hätte es ein kleines Dreieck und eine Zahl/Buchstabe auch getan.
- Schlamperei: Ich habe diverse Schreibfehler gefunden (z.B. steht auf einem Schnittteil ziemlich groß "Kontrastsoff") und in der Schnittteil-Liste fehlt eins - dabei sind 15 Teile doch überschaubar. In der Materialliste steht beim Gurtband nicht die Breite, die muss man aus dem Zubehör erschließen.
- Inzwischen habe ich mich sehr an einige Standards von Hansedelli gewöhnt: Markierungen der Schnittteil-Mitte, Abschrägen von Nahtzugaben an Nahtkreuzungen, sehr klare Anleitungen - diese Anleitung verliert dagegen leider. Zum Beispiel werden an zwei verschiedenen Stellen der Tasche Wendeöffnungen gelassen und das hat auch seinen Sinn, aber es wäre angenehm gewesen, wenn dabei stünde: "Ja, es werden wirklich zwei Wendeöffnungen gebraucht, dazu kommen wir später!" Es gibt bei der Herstellerin keine Probenäher, und das merkt man dann schon (ist ja auch nicht zwingend notwendig, nur muss man dann selbst sehr kritisch sein Produkt begutachten).
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| Der Schieber ist auch ein Bollenhut! |
Was nicht so gut war, ist meine Stoffwahl: Sowohl der Canvas als auch der später vom gleichen Shop dazugekaufte Polyester-Dekostoff mit hellgrauem Tannenwaldmuster (der passte einfach perfekt und ich habe keinen anderen gefunden, der mir gut genug gefiel) sind sehr lose aus dicken Fäden gewebt. Insbesondere letzterer löst sich schon vom Angucken auf; Einschnitte zum Annähen der Rundungen oder Reißverschlussfach-Ecken gestaltet sich schwierig.
Bei der Verstärkung habe ich wie so oft die Außenteile mit H250 und das Futter mit H630 versehen. In der Anleitung wird S320 empfohlen, aber meine Vlieskombi hat sich für mich gut bewährt.
Ich habe beim Rückenteil außen eine weitere Reißverschlusstasche hinzugefügt und bin bei der Träger-Aufhängung von der Anleitung abgewichen: Dort wird ein Kunstlederriemen aufgenietet, aber das hätte bei meinen lose gewebten Stoffen nicht funktioniert. Also habe ich recht weit oben bei den Seitenteilen eine Teilung eingefügt und dort normale Aufhängeschlaufen mit D-Ring eingesetzt.
Die Vorgehensweise bei der Reißverschluss-Innentasche erscheint mir umständlich und unpraktisch: Der Schlitz für den Reißverschluss wird nicht verstürzt, sondern eingeschnitten und mit Klebeband auf die Rückseite geklebt. Ich habe dann doch lieber mit einem Stoffrest verstürzt, das dürfte auch haltbarer sein.
Die vorstehenden Kanten, die den Reiz der Tasche ausmachen, und der Kontraststoff oben waren knifflig - da musste ich die Anleitung diverse Male lesen, um das Ganze zu verstehen. Ich weiß nicht, ob man das besser hätte ausdrücken können oder ob der Vorgang einfach etwas kompliziert ist ...
Der Rest war easy-peasy. Ich habe aber auch zuletzt eine deutlich komplexere Tasche von Hansedelli genäht, die mich vor einige Rätsel gestellt hat. Natürlich hängt es auch davon ab, ob man eine Tasche in ähnlicher Form schon x-fach genäht hat!
Was mich etwas ärgert: Zwischendurch hat meine alte Nähmaschine gestreikt und ich musste die neue nutzen. Die Juki ist eine eigentlich sehr gute und teure Maschine, aber ich finde es unheimlich schwierig, präzise mit ihr zu nähen, weil die Markierungen auf der Stichplatte zu wünschen übrig lassen. Da klebe ich nächstes Mal Washitape auf.
Und: Das Reißverschlussfüßchen der Juki ist irgendwie unübersichtlich beim Nähen; Präzision finde ich da knifflig. Das ist der Grund, warum der Reißverschluss vorne nicht sauber eingenäht ist. Dazu kann man den Standardfuß nicht weit genug anheben, um zum Absteppen des Reißverschlusses den Schieber nach halber Strecke daran vorbeizuziehen. Arrgh! Solche Dinge nähe ich künftig - wenn möglich - nur noch mit der alten Pfaff.
Mein Fazit:
Hübsch finde ich die Tasche. Mich stört der obere Reißverschluss etwas - den kriegt man nicht so gut auf. Vermutlich, weil die Schienen seitlich weggebogen sind statt gerade irgendwo eingenäht zu sein? Mal gucken, ob man das besser lösen kann.
Lose raushängende RV-Enden gefallen mir rein optisch und aus dem gleichen praktischen Grund (nicht so gut mit einer Hand zu schließen) auch nicht, aber da verliert man Öffnungsweite, wenn man das ändert - das musste ich ja schmerzlich bei meiner Annik-Tasche feststellen ...
Eine Sache nervt mich: Das Steckfach ist viel zu hoch; es endet fast am oberen Rand der Tasche und man kann es nicht gut benutzen. Eigentlich ist mir das schon beim Nähen aufgefallen, aber ich war zu faul, das noch zu ändern. Blöd! Ich _könnte_ noch per Hand dran rumändern, aber das wäre Fummelarbeit.
Ansonsten merkt man, dass die Tasche auf Kunstleder ausgelegt ist: Die vorstehenden Kanten bleiben nicht so schön gerade wie bei der Vorlagentasche, sondern biegen sich gerne in der Gegend herum. Nicht dramatisch, aber bei einem steifen Stoff (natürlich auch schwieriger zu nähen) ist das schon hübscher.
Schnitt: "TulpiaMy klein" von SteffiRoseStimpel
Material: Baumwollcanvas mit Bollenhüten, Polyester-Dekostoff mit Tannenwald, schmaler Reißverschluss mit Bollenhut-Schieber (alles über deco-line), Reißverschlüsse aus dem örtlichen Stoffladen
Änderungen: rückwärtige RV-Tasche hinzugefügt, Träger-Aufhängung in eine eigene Teilung der Seitenteile eingenäht anstatt eine Aufhängung aufzunieten
Nachnähpotential: Vielleicht.
Verlinkt bei DvD.
Lg
Nria












































