Donnerstag, 17. Mai 2018

Rotschwarzes McCalls-Etuikleid aus Jersey

Das folgende Kleid habe ich "testgenäht" und den Schnitt gratis bekommen. Aber bevor jetzt alle weglaufen (und schon vorweg: Nein, regelmäßiges Probenähen wird es hier nicht geben!): Das ist kein typisches "Bloggerprobenähen". Die Testnähaktion findet in Kooperation des Hobbyschneiderin-Forums mit der Cremer KG statt, die m.W. die amerikanischen McCall's-, Butterick-, Vogue- und Kwik Sew-Schnittmuster in Deutschland vertreibt.
Das Testnähen läuft so ab: Pro Saison werden die neuen Schnittmuster dieser Marken vorgestellt und einer (!) kann einen ausgewählten Schnitt ausprobieren. Beim nächsten Mal kommt wieder jemand anders dran, denn es wird pro Saison und Marke nur ein einziger Schnitt verteilt und bei den Testnähern Wert auf Vielfalt gelegt.

Die Aktion gibt es seit ca. 3 Jahren und diesmal habe tatsächlich ich meinen Wunsch-Schnitt bekommen :)
Sonst hätte ich mir den Schnitt aber selbst gekauft (er lag während der letzten Rabattaktion schonmal probehalber im Warenkorb ...). Er ist nämlich wirklich interessant!

Interessante Schnittführung an allen Ecken und Enden!


Auffällig sind natürlich die seitlichen Keile in Kontrastfarbe. Dazu haben die Ärmel einen Einsatz in der Mitte, der über die Schultern verläuft und auf der Rückseite den Halsausschnitt einfasst. Sehr raffiniert!

Meine Farbwahl stand sofort fest, als ich den Schnitt zum ersten Mal gesehen habe: Schwarz mit roten Akzenten. Die Linienführung ließ mich nämlich gleich an die berühmten schwarzen Louboutin-Pumps mit knallroter Sohle denken. High Heels mag ich überhaupt nicht (selbst die Stiefel auf den Fotos trage ich nie, weil mir der Absatz schon zu hoch ist!), aber als Kleid konnte ich es mir wirklich gut vorstellen ...

Als ich den Schnitt in den Händen hielt, fielen mir daran zwei Dinge auf:
1. Es ist zwar ein Jerseykleid, die Verarbeitung ist aber komplett wie bei einem Kleid aus Webstoff gehalten, mit unsichtbaren Säumen, nahtverdecktem Reißverschluss und Beleg am Halsausschnitt.
2. Der Schnitt ist gleichzeitig als Normal- und als Kurzgröße ausgezeichnet. Wie das geht? Statt normaler Kürzlinien gibt es jeweils zwei Linien (an diversen Stellen), die man aufeinanderfaltet - so erhält man einen Schnitt in Kurzgröße. Natürlich sollte man trotzdem noch messen, ob die Taillenmarkierung dann mit der eigenen Taille übereinstimmt und ggf. anpassen.
Das ist mir jetzt schon bei mehreren amerikanischen Schnittmustern aufgefallen und ich finde es super :)

Der Ärmeleinsatz geht gaaanz ringsherum!

Wenn man Kleider dieser Art schon häufiger genäht hat, geht die Verarbeitung recht flott von der Hand. Eins hat mich aber gewundert: Normalerweise setzt man Vorderteil und Rückenteil separat zusammen und näht anschließend die Seitennähte. Hier näht man zuerst die Schulter- und die Seitennähte des Vorder- und Rückenteils (das kurze Stück unterhalb des Armausschnitts), dann die Seitennähte der seitlichen Teile in Kontrastfarbe und setzt das entstandene Teil wie einen Keil ein. Klar, kann man machen - aber ist das nicht etwas umständlich?
Sowohl das Keileinsetzen als auch der Knick in der Kontrasteinsatz-Naht auf den Schulterblättern erfordert übrigens schon etwas Näh-Erfahrung - Nähanfänger könnten sich schwertun, das sauber zu verarbeiten.

Erschwert wird das Ganze dadurch, dass bei den amerikanischen Schnitten immer 1,5 cm Nahtzugabe zugegeben sind (bereits im Schnitt enthalten) und die Passzeichen für den Keil nicht als Strich oder Dreieck an der Kante, sondern als dicker Kreis mittig angezeichnet sind. Es ist schon eine Kunst, das sauber auf Jersey zu übertragen, beim Nähen die Markierung zu finden und dann noch bis zur exakten Stelle (der Punkt ist ca. 5 mm groß, jetzt findet da mal die exakte Mitte mit der Nadel!) zu nähen ... ich muss zugeben: Ich hab die Markierung irgendwann ignoriert und "frei Schnauze" den Keil eingenäht. Deshalb verläuft die Naht nicht ganz durch die Keilspitze, aber hey, wer guckt schon an dieser Stelle unter dem Arm so genau hin? Beim nächsten Mal würde ich entweder die Nahtzugaben an dieser Stelle auf ein vernünftiges Maß stutzen oder gleich die Teilungsnähte so nähen, wie es bei so ziemlich allen anderen Schnittmustern der Fall ist.


Noch eins hat mich an dieser Stelle ein wenig gestört: Der Brustabnäher endet ziemlich genau an der Keilspitze. Gerade das ist aber eine Stelle, an der ich möglichst wenig Extra-Stoffschichten haben möchte, damit die Spitze wirklich spitz und schön wird. Aber wenn man sich ein wenig mit Abnäher-Rotation beschäftigt hat (was kompliziert klingt und gar nicht so schwierig ist), kann man sich den Abnäher ja einfach wegdrehen.

Ich habe brav einen nahtverdeckten Reißverschluss eingesetzt, aber eigentlich ist der überflüssig. Der Jersey ist dehnbar genug, um das Kleid auch einfach so anzuziehen (der Umschlag hat übrigens einen Teststreifen, an dem man seinen Jersey probedehnen kann, um zu prüfen, ob er elastisch genug ist - das ist so toll und ich würde mir das für jeden Jerseyschnitt wünschen!). Vielleicht soll er das Kleid eleganter wirken lassen (aber ein verdeckter RV wirkt ja in erster Linie unsichtbar ...) oder der Jersey leiert auf Dauer weniger aus?
Also habe ich nach dem Fertigstellen den Reißverschluss wieder rausgetrennt und werde ihn für ein anderes Projekt nehmen. Wär doch Verschwendung!

Noch eins ist eigentlich unsichtbar: Die Säume. Aber Hand aufs Herz: Hat irgendwer schonmal einen komplett unsichtbaren Saum bei Jersey hingekriegt? Ich nicht. Und ich hasse es, wenn man Pünktchen auf der Außenseite sieht. Statt einem schlechten unsichtbaren Saum habe ich lieber einen guten sichtbaren. Leider ist mein Saum nicht mal gut geworden; die Maschine hat reichlich Stiche ausgelassen. Mal sehen, ob mich das genug nervt, um aufzutrennen und einen gescheiten Saum zu produzieren.

So schick! Aber die Minilänge ist ungewohnt.

Auch der Halsausschnitt war so eine Sache: Ich habe den Beleg schön mit elastischer Vlieseline versehen, die Nahtzugabe untergesteppt, per Hand an der Schulternahtzugabe befestigt - trotzdem flutscht er begeistert raus. Super Sache, wenn er in Kontrastfarbe ist ... na gut, wenn er ein wenig rausblitzt, kann man es immerhin als Absicht deklarieren. Trotzdem habe ich den Beleg nachträglich wieder abgetrennt und durch ein nach innen geklapptes Schrägband ersetzt.

Seid ihr auch solche "Verpackungsopfer" bei Schnittmustern mit interessantem Linienverlauf? Und kriegt ihr bei 1,5-cm-Nahtzugaben an friemeligen Stellen, die man gerne exakt nähen muss, auch immer die Krise?

Material: Single-Jersey
Schnitt: McCall's 7652 (gratis zum Testnähen bekommen)  
Änderungen: Sichtbare statt unsichtbaren Säumen. Reißverschluss weggelassen und den Beleg durch einen Schrägbandsaum ersetzt. 
Nachnähpotential: Ich könnte mir den Schnitt auch gut als Oberteil vorstellen (soviel müsste man da gar nicht kürzen ...). Hana hat auch schon Bedarf angemeldet ;)
Verlinkt bei RundumsWeib.

Lg
Nria

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