Dienstag, 12. Juni 2018

[Gelesen] Neal Shusterman: Scythe - Die Hüter des Todes

Eine Welt, von der nicht ganz klar ist, ob sie eine Utopie oder Dystopie darstellt:
Die Welt wird regiert von einem allwissenden Supercomputer, dem "Thunderhead", überall herrscht Frieden und Menschen arbeiten eigentlich nur noch Pro Forma, denn alle Fragen jeder Wissenschaft sind vom Thunderhead gelöst worden.
Auch der Tod ist besiegt: Alle Krankheiten und Verletzungen können geheilt werden und selbst, wer bei einem Unfall stirbt, wird wiederbelebt. Wer über einen bestimmten Punkt hinaus gealtert ist, kommt "über den Berg" und wird wieder verjüngt.


Nur ein Problem gibt es: Die Menschheit vermehrt sich weiterhin, und um Überbevölkerung zu verhindern, müssen Menschenleben beendet werden. Das übernehmen die Scythe - sie nennen es nicht "töten", sondern "nachlesen", wie bei der Traubenernte; jeder von ihnen hat eine bestimmte Zahl Menschen nachzulesen und abgesehen von einer gleichmäßigen Verteilung in allen sozialen Schichten und ethnischen Gruppen können sie frei entscheiden, wessen Leben sie beenden. Denn diese Macht über Leben und Tod möchte man dem Thunderhead doch nicht in die Hand geben ...
"[Rowan] war es gewesen, der den Begriff Salatblatt-Kid erfunden hatte, um sie zu beschreiben. Beide waren irgendwo in der Mitte einer Schar von Kindern geboren und weit davon entfernt, die Lieblinge ihrer Eltern zu sein. Ich habe ein paar Brüder, die sind das Fleisch, ein paar Schwestern, die sind Käse und Tomaten, also bin ich wohl das Salatblatt." S. 27
In dieser Welt wachsen Citra und Rowan auf - in ganz unterschiedlichen Verhältnissen, aber sie beide haben irgendwann eine Begegnung mit dem Scythe Faraday, die ihr Leben verändern wird.

Ein interessantes Setting, oder? Man fragt sich: Wonach suchen die Scythe die Unglücklichen aus, denen keine Unsterblichkeit beschieden ist? Zwischen den Kapiteln mit der eigentlichen Handlung um Citra und Rowan sind immer kurze Tagebuchtexte verschiedener Scythe zu lesen, die mal philosophisch, mal ganz nüchtern die Welt und ihre Arbeit reflektieren. Diese geben ganz unterschiedliche Antworten auf die o.g Frage - und zeugen von unterschiedliche Philosophien, die sich verschiedene Scythe zu eigen gemacht haben.
"Ohne bestimmte Reihenfolge kamen die Scythe einer nach dem anderen nach vorne, um Namen von Personen vorzutragen, die sie in den vergangenen drei Monaten nachgelesen hatten.
'Wir können nicht alle nennen', erklärte Scythe Faraday ihnen. 'Das wären bei mehr als dreihundert Scythe über sechsundzwanzigtausend Namen. Wir müssen zehn auswählen. Diejenigen, die uns am stärksten im Gedächtnis geblieben, die am tapfersten gestorben sind und deren Leben am bemerkenswertesten waren.'"
S. 163
Im Roman geht es um Tod, Unsterblichkeit und den Umgang mit beiden - von Jugendlichen, die von Hochhäusern springen ("platschen" nennt es Rowans bester Freund"), weil das Leben langweilig ist und man so immerhin kurz mal die Aufmerksamkeit der Eltern erlangt, deren x-tes Kind, das sie irgendwann im langen Leben gezeugt haben, wenig interessant wird, über Reiche, die einfach alles haben, bis zur selbstgewählten Askese mancher Scythe. Die Geschichte ist spannend und unterhaltsam und manchmal nachdenklich und im Grunde durchaus zu empfehlen ...
"Zur Zeit ist der älteste lebende Mensch ungefähr dreihundert, doch das liegt daran, dass die Ära der Sterblichkeit noch nicht lange zurückliegt. Ich frage mich, wie das Leben in einem Jahrtausend sein wird, wenn das Durchschnittsalter näher bei tausend liegt. Werden wir alle Kinder der Renaissance sein, gebildet in allen Künsten und Wissenschaften, weil wir die Zeit hatten, sie zu beherrschen? Oder wird Langeweile und sklavische Routine uns noch mehr plagen als heute und uns noch weniger Grund geben, ein endloses Leben zu führen? Ich träume von Ersterem, befürchte jedoch Letzteres."
S. 176
... wenn da nicht ein "aber" wäre:
Die Logik des Settings lässt an manchen Stellen zu wünschen übrig und manche Fragen muss man wohl oder übel mit "Ist eben so" beantworten und sich auf das Setting einlassen, ohne weiter zu hinterfragen, um den Roman genießen zu können.
So wird nicht beantwortet, warum der geniale Supercomputer nicht auf die Idee kommt, das Bevölkerungswachstum durch Geburtenzahlbegrenzung einzudämmen, warum niemand es für moralisch fragwürdig hält, dass auch Kinder nachgelesen werden, während Dreihunderjährige munter weiter der ewigen Unsterblichkeit entgegenstreben ... und auf eine Begründung der Scythe-Richtlinie, dass sie keine Suizidwilligen, egal welchen Alters, nachlesen dürfen (Selbstmörder werden natürlich auch wiederbelebt), hofft der Leser ebenfalls vergeblich.

Dieses Buch ist allerdings nur der erste Band - nicht auszuschließen, dass es für diese Fragen später eine Begründung geben wird.

"'Es überrascht mich, dass Sie bis zu meiner Haustür gekommen sind, ohne dass die Wachleute am Tor mich alarmiert haben', sagte der Manager so nonchalant wie möglich.
 'Sie hätten Sie alarmiert, aber wir haben sie nachgelesen', sagte einer der anderen Scythe, eine Frau in Grün mit panasiatischen Zügen.
Auch von dieser Information wollte der Manager sich nicht erschrecken lassen. 'Ah, und nun soll ich Ihnen ihre persönlichen Daten geben, damit Sie die Familien benachrichtigen können.'
'Nicht ganz', sagte der Anführer. 'Dürfen wir hereinkommen?'"
S. 199
Wenn man sich darauf einlässt und das Setting ohne zuviel Hinterfragen akzeptiert, bekommt man aber ein interessantes, spannendes Buch mit glaubwürdigen und vielfältigen Charakteren. Für alle Dystopie-Freunde eine Empfehlung von mir!

Autor: Neal Shusterman
Titel: Scythe - Die Hüter des Todes (Band 1)
Verlag: S. Fischer
Seiten: ca. 516
Original: Scythe - Arc of a Scythe
Erscheinungsjahr: 2017
Deutsche Übersetzung aus dem Amerikanischen von Pauline Kurbasik und Kristian Lutze

Eine schöne Zeit wünscht
Hana

Kommentare:

  1. Hm, ja, vielleicht ist das Setting nicht bis ins letzte Detail durchdacht, aber interessant find ich's allemal. Besinders das mit der Nachlese gefäält mir, dass klingt so nach Dessertwein. :D
    Ist die Handlung in sich denn einigermaßen abgeschlossen? Also wird da auch noch eine Geschichte erzählt, oder ist das nur ein Serienauftakt? *löcher*

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    1. Die Handlung ist abgeschlossen, man kann das Buch also gut für sich lesen.

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    2. Ah, fein, dann lass ich mir die Taschenbuchversion zu Weihnachten schenken! :D

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