Donnerstag, 16. März 2017

[Gelesen] Andrew Solomon: Weit vom Stamm (Rezension)

Zumindest unterbewusst wünschen sich Eltern in der Regel, dass ihre Kinder ihnen ähnlich sind - als Erben ihrer Identität fungieren; das, was sie selbst sind und vertreten, in die Zukunft weitertragen, wenn sie selbst einmal nicht mehr sind. Über zehn Jahre lang ist der Autor dieses Buches der Frage nachgegangen: Was, wenn Eltern feststellen, dass die Kinder ganz anders sind als erwartet - und als erhofft?
Andrew Solomon lehrt Psychiatrie an der Cornell University und kennt sich aus damit, anders zu sein als die Eltern: Er selbst ist homosexuell. Und auch seine Eltern mussten erst lernen, mit dieser Andersartigkeit ihres Sohnes zurechtzukommen.

Bild zeigt das Buch Solomon, Weit vom Stamm, umgeben von Spielzeug
"Solomon: Weit vom Stamm" handelt von Eltern, Kindern und Identitäten
 
Das Buch behandelt nacheinander verschiedene Arten des Andersseins, dabei gibt es zunächst eine Ansammlung von Kapiteln über Behinderung und psychische Krankheit (Gehörlosigkeit, Kleinwüchsigkeit, Down-Syndrom, Autismus, Schizophrenie, mehrfache Schwerbehinderung), danach folgen Kapitel über Wunderkinder, aus einer Vergewaltigung entstandene Kinder, kriminelle Kinder und Transgender. Eingerahmt werden diese Themen von einem ersten und letzten Kapitel über die eigenen Erfahrungen des Autors.

Die einzelnen Kapitel gehen von zwei Seiten an das jeweilige Thema heran: Einerseits erklärt der Autor die Besonderheit aus wissenschaftlicher Sicht, mit Studien, bisher erforschtem Wissen über das Phänomen, andererseits hat er mit Betroffenen gesprochen und erzählt Familiengeschichten, den unterschiedlichen Umgang mit Schwierigkeiten. Er berichtet von Familien, die gut klarkommen und von Betroffenen, die gescheitert sind, von glücklichen Familien und großem Unglück.
Ich finde das Buch sowohl äußerst lehrreich als auch sehr angenehm zu lesen. Der Autor protzt nicht mit Fachbegriffen (wie es bei deutschen Wissenschaftlern leider oft üblich ist), sondern ist bemüht, dem Leser seine Erkenntnisse möglichst gut verständlich zu machen. Vor allem über Schizophrenie und Autismus habe ich unglaublich viel gelernt, aber auch über Gehörlosenkultur - und bin in mir vorher fremde Gedankenwelten vorgestoßen: Zerstört "Heilung" von Behinderungen eigene Kulturen? Inwieweit ist eine Behinderung Krankheit, inwieweit Identität?

Solomon erzählt Familiengeschichten, die Mut machen. Neben all den Problemen und Schwierigkeiten, die die Familien bewältigen müssen, wollen doch die meisten ihr Kind nicht hergeben und die gemachten Erfahrungen nicht missen.

Von mir gibt es eine dicke Empfehlung für das Buch - jeder, der Kinder hat oder mal haben möchte, sollte meiner Meinung nach dieses Buch lesen. Ebenso jeder, der sich für das Thema Andersartigkeit oder Identität interessiert - und eigentlich alle anderen auch, denn aus diesem Buch kann man so viel mitnehmen. Es regt zum Nachdenken an, bevormundet nicht, zeigt Wege auf - ich finde "Weit vom Stamm" rundum gelungen.
Autor: Andrew Solomon
Titel: Weit vom Stamm - Wenn Kinder ganz anders als ihre Eltern sind
Verlag: S.Fischer
Seiten: 1114 (ohne Anhang 840)
Original: Far from the Tree. Parents, Children, and the Search for Identity; Verlag Scribner, Simon & Schuster, New York
Erscheinungsjahr: 2012
Deutsche Übersetzung von Henning Dedekind, Antoinette Gittinger, Enrico Heinemann, Ursula Held und Ursula Pesch
Eine schöne Zeit wünscht
Hana

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